Chriesezytt

By Walter Mossmann

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Dein Maul ist schwarz, weil die Kirschen sind reif

An der Straße nach Königschaffhausen –

Dem Bruno seine Kirschen und dem Herrgott sein Tag

Gibt's heut' umsonst und draußen!

Es liegt in der Luft ein gesunder

Blütenduft vom Burgunder –

Ach ja, die ganze Welt reimt sich!

Eine Erdkröte hier, eine Eidechse da –

Wir kommen ins Singen und Träumen

Und fahren zum Rhein raus und machen erst Halt

Hinter Lores Apfelbäumen!

Da liegt unter Pusteblum' Flocken

Ein übrig gebliebener Brocken –

Eine Erbschaft von vor vierzig Jahren!

Das war mal ein Bunker

Der Klotz aus Beton –

Der ging Fünfundvierzig zu Bruch!

Von denen, die drin war'n

Blieb keine Erinnerung –

Bloß so ein Modergeruch!

Du sagst: "Mensch, lass das, das Philosophiern –

Lass die Toten die Toten begraben!

Ich hab' heut' Lust auf ein Fass voll Leben

Und wenn ich's krieg, will ich's auch haben!"

Und wie die gesengten Säu' brechen

Wir durch die Hecken, die stechen

Und wir klauen am Weg Orchideen –

Ein paar Schwäne hier und ein Graureiher dort

Und der Eisvogel schießt durch den Altrhein!

Oben am Himmel, ein Bussard im Kreis –

Na, bei dem wird's windig und kalt sein!

Und noch drüber sehen wir leider

Den Streifen von einem Starfighter –

Und plötzlich kommt einer im Tiefflug!

Ich denk' an den Bunker

Den Klotz aus Beton –

Der ging Fünfundvierzig zu Bruch!

Von denen, die drin war'n

Blieb keine Erinnerung –

Bloß so ein Modergeruch!

Ich krieg' sie nicht los, diese alten Geschichten –

Geschichte von vierzig Jahren –

Das kommt wohl, weil's rieselt im Schädelgebälk

Unter den grauen Haaren!

Wir fahren nach Kappel zur Fähre

Und stoßen auf eine Barriere –

Dahinter stehn weiße Soldaten!

Die weißen Soldaten im Rheinauewald

Versteckt hinter einer Biegung

Sind lustig und schwitzen und saufen und machen

Eine Katastrophen-Übung –

Sie schützen sich vor Todesstrahlen

Als wär eine Wolke gefallen

Und wir beide wär'n in der Falle!

Ich denk' an den Bunker

Den Klotz aus Beton –

Der ging Fünfundvierzig zu Bruch!

Von denen, die drin war'n

Blieb keine Erinnerung –

Bloß so ein Modergeruch!

'S wird Abend, wir fahren nach Hause zurück

Ins Hochhaus im Freiburger Westen

Wo wir uns mit Ratatouille und mit Käse

Und Tagesschau-Bildern mästen!

Wir seh'n die Raketen, die dicken

Und weiße Atomstrom-Fabriken

Und wir hören vom Frieden – vom Frieden!

Dann Schmusemusik und ein Fasswein dazu

Und der Mond ist grad aufgegangen

Und schwarz ist dein Maul, weil die Kirschen sind reif

Und die Neon-Laternen prangen!

Und später dann im Morgengrau'n

Lieg' ich wach und schweißnass vom Traum

Und krieg keine Luft mehr vor Platzangst!

Und ich seh' uns im Hochhaus

Dem Klotz aus Beton –

Mensch, der geht diesmal gar nicht zu Bruch!

Doch von denen, die drin sind

Bleibt keine Erinnerung –

Nicht mal ein Modergeruch!